Seitenübersicht
Kategorieübersicht

Wie viel Waldorfpädagogik lebt in Wolfsburg?

Ein Gespräch mit Thomas Herden |

Thomas Herden ist seit 1990 Lehrer an der Freien Waldorfschule Wolfsburg. Er übernahm zunächst als Klassenlehrer eine 5. Klasse und unterrichtet bis heute die Fächer Deutsch, Geschichte und Politik. Zudem entwickelte er das Oberstufenkonzept der Schule und ist Ansprechpartner für diesen Bereich.

 

Waldorfschulen haben viel gemeinsam, aber das Umfeld bestimmt die Profile der einzelnen Schulen. Was macht die Wolfsburger Schule aus?

Das Zusammenspiel von Standort, finanzieller Situation und dem gemeinsam getragenen Verständnis der Waldorfpädagogik hat einen nennenswerten Einfluss auf die pädagogischen Angebote unserer Schule. Ich skizziere das kurz: Für den Standort Wolfsburg spielt Volkswagen eine große Rolle. Auch wenn nur ein Teil der Familien, die ihre Kinder an unsere Schule geben, in der Automobilindustrie arbeitet, so ist die Mentalität doch auch in der Stadt, außerhalb der Konzerngrenzen, spürbar: Es ist ein sehr leistungsorientiertes Umfeld, es gibt ein stark marktwirtschaftlich geprägtes Erfolgsdenken und das wird selbstverständlich auch in den Familien sozialisiert.

Da wir in unserer Organisationsform ein Verein sind, handeln wir im Interesse der Mitglieder. An dieser Stelle ist die Haltung, die Eltern zu verschiedenen Themen haben, entscheidend. Aber auch die Frage, wie viel Waldorfpädagogik und Anthroposophie angenommen und unterstützt wird. Wenn wir als Schule bestehen wollen, müssen wir uns mit diesen Erwartungen auseinander setzen und sie in unseren Schulkontext übersetzen.

Wie stark ist in diesem Zusammenhang das Interesse an Waldorfpädagogik?

Sicherlich können nur wenige etwas mit dem geistigen Überbau der Waldorfschule anfangen. Andererseits scheinen mir andere Waldorf-Qualitäten, die unser tägliches Schulgeschehen prägen, durchaus stark nachgefragt zu sein. Sei es die weitgehende Freiheit der Unterrichtsgestaltung im Vergleich zur Regelschule, die musisch-künstlerische Orientierung oder das gepflegte soziale Miteinander.

Und inwiefern bestimmen die finanziellen Mittel das pädagogische Angebot?

Waldorfschulen werden durch das Land Niedersachsen so wenig gefördert, wie in keinem anderen Bundesland. Rückblickend waren die finanziellen Mittel oft knapp und dadurch die Entwicklungsmöglichkeiten für verschiedene pädagogische Angebote eingeschränkt. Letztlich bestimmen aber die Angebote auch das Profil unserer Schule. Zur Zeit unterstützt uns die Stadt Wolfsburg analog zu den anderen Schulen der Stadt. Dadurch können wir uns weiterentwickeln.

Typisch für Waldorfschulen sind oft integrierte berufliche Bildungsangebote. So etwas konnten wir bis heute nicht etablieren und die Erwartungen an uns, als freie Schule hier in Wolfsburg, gehen meiner Meinung nach auch in eine andere Richtung. Statt des Aufbaus eines beruflichen Bildungszweigs hat der Ausbau des naturwissenschaftlichen Bereichs nun Priorität. Das wird unser Schulprofil perspektivisch beeinflussen. Ich persönlich nenne dies eine Entwicklung hin zum „Waldorfgymnasium“. Für mich ist das konsequent. Denn wir bieten zwar unseren Realschülern zwei Jahre mehr Zeit, zu reifen und einen guten Abschluss zu erlangen, aber eben aus finanziellen Gründen keine berufliche Zusatzqualifikation. Ich sehe das ganz pragmatisch, aber darüber besteht kein Schulkonsens.

Passt diese Entwicklung noch zur Idee einer Waldorfschule?

Aus meiner Sicht war die Idee der Waldorfschulen immer mit davon geprägt, die Gesellschaft zu verändern. Dazu gehört, dass man führende Köpfe hervorbringt, die solche Veränderungsprozesse gestalten. In diesem Zusammenhang halte ich es heute auch für richtig, die intellektuelle Auseinandersetzungsfähigkeit zu fördern. Das bestehende System bringt leider Zwänge mit sich, denen wir uns gebeugt haben, allen voran die staatlich anerkannten Schulabschlüsse – von der Stundengewichtung bis hin zur Teilung der Schüler ab der 11. Klasse, je nach angestrebtem Abschluss. 40 bis 70 Prozent der Schüler gehen jedes Jahr ins Abitur. Der Bruch der Klassengemeinschaft ist insbesondere für den Realschulzweig oft nicht leicht – wir zahlen hier immer einen sozialen Preis. Mit einer Steuergruppe wollen wir hier weiter an Verbesserungen arbeiten.

Wie viele Möglichkeiten bleiben noch, um den Schulalltag frei zu gestalten?

Als Schule haben wir im Laufe der Jahre Dinge verloren und gewonnen. Besonders in der Unter- und Mittelstufe haben die Kinder sehr große Möglichkeiten, Fähigkeiten zu üben und ihre Begabungen zu entdecken. Wir können hier unsere Haltung als Waldorfschule – die Orientierung an den Bedürfnissen der Kinder statt an einer vom Lehrplan vorgegebenen Sachnotwendigkeit – besonders gut anbieten. In manchen Fächern gelingt es, diesen Freiraum bis in die Oberstufe hinein zu bewahren, zum Beispiel bei meinen Unterrichtsfächern. Ich kann Schüler für das aktuelle Geschehen sensibilisieren, sie anregen, eine eigene Meinung zu entwickeln, und muss ihnen auch mit meiner eigenen Haltung begegnen. Und das sind doch die wichtigen Ziele, die wir als Schule verfolgen: vielfältige Erfahrungen anbieten, das Miteinander pflegen, die Persönlichkeiten stärken. Wir können damit dem aktuellen Trend des „gesellschaftlichen Verwertungsplans“ begegnen und unseren Schülern zu einem selbstbestimmten Leben verhelfen – mit einem eigenen großen Wissens- und Erfahrungsschatz, sozialen Qualitäten und dem Mut, ihre Individualität zu zeigen.

| Im Gespräch und Aufzeichnung: Marjatta Kießl

Im Gespräch mit Waldorflehrer Thomas Herden

Im Gespräch mit Waldorflehrer Thomas Herden